Pflege braucht Räume, die tragen – Interview mit Gabriele Dietrich

Pflege braucht tragfähige Räume – Interview mit Gabriele Dietrich über Stress, Prävention, Generation Z und nachhaltige Pflegekultur.

28. Dezember 2025 4 Minuten

Pflege braucht Räume, die tragen – Warum dieses Thema auch in Berchtesgaden wichtig ist

Das Berchtesgaden Magazin im Gespräch mit Gabriele Dietrich
Stress ist längst kein individuelles Randthema mehr, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung – besonders deutlich spürbar im Gesundheits- und Pflegebereich. Hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck, emotionale Verantwortung und der zunehmende Fachkräftemangel bringen viele Pflegende an ihre Grenzen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an tragfähigen Lösungen, die nicht nur kurzfristig entlasten, sondern nachhaltig wirken.

Wir sprechen mit Gabriele Dietrich, Psychologin, Trainerin und Organisationsberaterin, weil sie genau hier ansetzt: bei den Menschen, den Strukturen und der Frage, wie Arbeit – gerade in der Pflege – wieder verständlich, machbar und wirksam werden kann.

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Interview mit Gabriel Dietrich

Berchtesgaden Magazin: Gabriele, du arbeitest seit vielen Jahren mit Menschen, die stark unter beruflichem Stress stehen. Was hat dich persönlich zu diesem Schwerpunkt geführt?

Gabriele Dietrich: Mich hat früh beschäftigt, warum engagierte, kompetente Menschen plötzlich an ihre Grenzen kommen – obwohl sie ihren Beruf eigentlich lieben. Gerade in der Pflege ist der Anspruch an sich selbst oft extrem hoch. Ich wollte verstehen, wie Stress entsteht, wie er sich verstärkt und vor allem: wie man ihm wirksam begegnen kann – nicht nur individuell, sondern auch auf organisationaler Ebene.

Berchtesgaden Magazin: Stress betrifft heute viele Berufsgruppen. Warum ist er in der Pflege besonders brisant?

Gabriele Dietrich: Pflege trägt jeden Tag Verantwortung für andere Menschen. Das ist emotional fordernd und gleichzeitig strukturell oft schlecht abgefedert. Wenn Zeit, Personal und Wertschätzung fehlen, entsteht Dauerstress. Das Fatale ist: Viele Pflegende funktionieren lange, bevor sie merken, wie erschöpft sie eigentlich sind. Genau hier braucht es Prävention, Reflexion und tragfähige Strukturen.

Berchtesgaden Magazin: Du verbindest Stressmanagement mit Organisations- und Unternehmensberatung. Warum ist diese Kombination so wichtig?

Gabriele Dietrich: Weil Stress nicht nur im Kopf entsteht. Natürlich spielt die individuelle Resilienz eine Rolle, aber genauso wichtig sind Arbeitsabläufe, Führung, Kommunikation und Kultur. Wenn Organisationen sich nicht mitverändern, stoßen persönliche Strategien schnell an Grenzen. Mein Ansatz ist deshalb immer ganzheitlich: Mensch, Team und System gehören zusammen.

Berchtesgaden Magazin: Ein zentrales Thema deiner Arbeit ist die Generation Z in der Pflege. Warum sorgt dieses Thema aktuell für so viel Reibung?

Gabriele Dietrich: Weil hier unterschiedliche Werte, Erwartungen und Kommunikationsstile aufeinandertreffen. Die Generation Z tickt nicht „falsch“, sondern anders. Wenn das nicht verstanden wird, entstehen Frust und Vorurteile – auf beiden Seiten. In meinen Seminaren geht es darum, diese Unterschiede einzuordnen und daraus neue, tragfähige Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Berchtesgaden Magazin: Dein Seminar „Verstehen statt verzweifeln – GenZ in der Pflege“ richtet sich an Praxisanleitende. Was ist dir dort besonders wichtig?

Pflegekräfte besprechen Patientenakte

Gabriele Dietrich: Beziehung. Gute Anleitung ist heute weniger Wissensvermittlung und viel mehr Beziehungsarbeit. Praxisanleitende stehen vor der Aufgabe, Orientierung zu geben, ohne zu überfordern. Wir schauen gemeinsam, wie Anleitung wieder wirksam, klar und gleichzeitig menschlich sein kann – mit Struktur, Haltung und Verständnis.

Berchtesgaden Magazin: Viele Teilnehmende berichten von Aha-Momenten. Was verändert sich aus deiner Sicht durch diese Arbeit?

Gabriele Dietrich: Oft verändert sich zuerst der Blick. Wenn ich verstehe, warum jemand so handelt, kann ich anders reagieren. Das reduziert Stress enorm – auf beiden Seiten. Viele nehmen konkrete Ideen für den Alltag mit, aber auch mehr Gelassenheit und Klarheit in der eigenen Rolle.

Frau am See

Berchtesgaden Magazin: Du arbeitest auch mit Resilienztrainings und Stressbewältigung nach §20 SGB V. Welche Rolle spielt Prävention aus deiner Sicht?

Gabriele Dietrich: Eine zentrale. Prävention bedeutet, nicht erst zu handeln, wenn Menschen ausfallen. Es geht darum, frühzeitig Ressourcen zu stärken, Selbstwahrnehmung zu fördern und gesunde Arbeitsweisen zu etablieren. Für Arbeitgeber ist das kein „Nice-to-have“, sondern eine Investition in Stabilität und Zukunftsfähigkeit.

Berchtesgaden Magazin: Was wünschst du dir für die Zukunft der Pflege – und für deine eigene Arbeit?

Gabriele Dietrich: Ich wünsche mir eine Pflege, in der Arbeit wieder tragbar ist. In der Menschen gesehen werden und Strukturen sie unterstützen, statt sie auszubrennen. Für meine Arbeit wünsche ich mir, weiterhin Räume schaffen zu können – für Verständnis, Entlastung und Entwicklung. Wenn Pflegekräfte sagen: Jetzt verstehe ich mich, mein Team und meine Arbeit besser, dann hat sich vieles gelohnt.

Steine

Redaktionsfazit

Pflege braucht Räume, die tragen. So einfach – und so komplex. Wenn du selbst in der Pflege bist, Angehörige begleitest oder dich für alles rund um Berchtesgaden und seine Menschen interessierst: Dieses Interview schenkt Mut und zeigt Wege, wie wir gemeinsam für tragfähige Strukturen sorgen können. Lasst uns gemeinsam wieder Fürsorge mehr Beachtung schenken. So wird Pflege wieder zu dem, was sie sein sollte: menschlich, machbar, wirksam. Ein Hoch auf die Helden der Pflege

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